Abkratzen und Schokoeis
Arnsdorf-Hilbersdorfer erleben sich Karfreitag auf der Kino-Leinwand in der Kirche
Von Irmela Hennig
Langsam radelt sie über den leeren Marktplatz, das Brot auf dem Gepäckträger. Sie nickt den alten Männern auf der Bank höflich zu und radelt aus dem Bild. Sekundenauftritt von Christine Pitters im Kurzfilm. „Zur Zeit verstorben“, eine kleine Geschichte von Menschen, vom Alltag, von Würde, von Leben und Sterben. 17 Minuten Kino, das Frau Pitters eine Sommerwoche rund um die Uhr beschäftigt hat.
Thomas Wendrich, Drehbuchautor und Regisseur hatte Arnsdorf-Hilbersdorf bei Reichenbach ausersehen. Kulisse und Drehort sollte es werden für seinen ersten selbst gedrehten Film: Weil es eine Mühle ohne Flügel gibt, ein leer stehendes Gasthaus und Christine Pitters, die ein hungriges Filmteam mit ihren Kochkünsten eine Woche lang bei Laune halten kann.
Frau Pitters saß zur Premiere am Karfreitag im Arnsdorfer Kirchenschiff. St. Katharinen, inmitten von Gräbern, diente vier Tage lang als Kinosaal. Beinahe alle 730 Arns- und Hilbersdorfer kamen irgendwann, um ihr Dorf auf einer Leinwand zu sehen. Kino mit kalten Füßen und kichernden Kindern. „Mir hat‘s viel gegeben zum Nachdenken.“ Christine Pitters war und ist begeistert. „Mal was besonderes. Es ist was Seltenes an unserem Ort, wo nix los ist.“
Ein Dorf mit Denkmal für gefallene Soldaten, mit Arbeitslosigkeit und schwieriger Perspektive, aber mit Menschen voller Humor und Wärme – so sieht es aus, das Dorf in Thomas Wendrichs Film. „Einer, der überall spielen könnte und der nichts mit Arnsdorf zu tun hat“, sagt Ortspfarrer Andreas Fünfstück, um keine Missverständnisse aufkommen zulassen. Wendrich habe hier schlicht gefunden, was er suchte: Kulisse, Requisite. „Denn der Ort ist weder struktur- noch perspektivlos“, ist auch Andrea Gloger vom Landkino überzeugt.
Der Vater ist
„plemplem“
Die nachdenklich-traurige Geschichte, nicht symbolisch für den Ort, sondern ein Bild der Zeit. Nur die Bank, auf der sich Menschen treffen und unterhalten, die gibt es tatsächlich in Arnsdorf. „Und das brauchen die Leute auch“, so Christine Pitters. Im Film gehört die Bank Franz und alten Freunden. Drei alte Männer sind sie, reden übers Abkratzen, über Schokoeis mit Sahne.
Als „plemplem“ hatte die Tochter ihren Vater erst beschimpft und ihm wütend gegen die Stirn getippt. Ein Moment, der ausreicht, um filmisch ein Dilemma auf den Punkt zu bringen. Der alte Mensch, vergesslich und ungeschickt, wird von der Gesellschaft fürs Leben disqualifiziert. Würde gesteht ihm kaum jemand zu. Und so stirbt er, der Großvater Franz zum Ende, zu rechten Zeit.
Für Kirchen immer ein Thema, doch für den Pfarrer gerade ganz besonders. Der Film ist Auftakt zur „Woche für das Leben“. Katholische und Evangelische Kirchen in Deutschland wollen erinnern, daran dass auch alte Menschen Würde besitzen und ein Recht darauf haben, in Würde zu leben, alt zu werden, zu sterben. Für Andreas Fünfstück ist genau das die Botschaft von „Zur Zeit verstorben“. Die 16-jährige Maja jedenfalls hat ihre Zeit, ihre Gegenwart, im Film wiedererkannt. „Er zeigt genau, wie wir mit unseren Alten umgehen, so als wären sie total verblödet.“
Thomas Wendrich hat seine Wurzeln übrigens in der Lausitz, die Mutter kommt aus Rothenburg, Wendrichs Opa lebt heute noch dort. Der war zur Premiere gekommen und Wendrichs letzte Verbeugung nach Danksagungen und viel Applaus galt ihm, dem Großvater
